Incredible Space Girls

Die Erschaffung eines eigenen Universums in der Tradition von Perry Rhodan
 
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 Am anderen Ende

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I3laderunR



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BeitragThema: Am anderen Ende   So 15 Aug 2010 - 20:34

Am anderen Ende

1: Comunication Breakdown

Die Hitze der anhaltenden sonnigen Sommertage erfüllte den Abend, doch hielten dunkelgraue Wolken Einzug und kündigten ein Gewitter an. Ein Gewitter sonder Gleichen zweifelsohne; hatte doch schon seit Tagen kein Tropfen Wasser den ausgetrockneten Grund berührt. Müde schloss ich die Tür hinter mir und fand mich einer leeren Wohnung gegenüber. Jane hatte sich erst für das Wochenende angekündigt, bis dahin würde ich allein mit meinen Gedanken sein.
„Nur noch ein paar Tage“, sagte ich zu mir selbst und spürte, wie sehr mir die Vorstellung behagte. Nachdem ich meine Sachen verstaut hatte, ließ ich mich auf die Couch nieder, um irgendein Buch, das ich vor Wochen angefangen hatte, zuende zu lesen. Nach einem halben Absatz, bei dem ich nicht einmal den Sinn erfasst hatte, fielen mir die Augen zu. Schwer kann ich sagen, wie lange ich da vor mich hindöste. Für einen erholsamen Schlaf war es jedoch zu kurz.
Ein lautes Krachen ließ mich erschreckt hochfahren. Ich fuhr herum, versuchte mich in der umgebende Dunkelheit zu orientieren. Als es erneut aufblitzte, bemerkte ich erst, dass ich meine Waffe in der Hand hielt und auf die Fenster gerichtet hatte. Kopfschüttelnd legte ich sie in eine Nische ins Regal. Zu viel Routine bei dieser Art von Job, tat einem nicht gut, das spürte ich jetzt. Ich näherte mich dem Fenster. Ein starker Platzregen hatte eingesetzt, trommelte gegen die Scheibe, riss Blätter und kleinere Zweige von den Bäumen. Die gelbleuchtenden Laternen versuchten der Schwärze der Nacht zu trotzen, was ihnen jedoch durch den dichten Regenvorhang erschwert wurde, und die wenigen Häuser der Stadt zu konturenlosen Gebirgen machte. Am Horizont flammten Blitze auf, jedes Mal gefolgt von sattem Donnern. Ich zuckte zusammen und doch war ich fasziniert zugleich von dem gewaltigen Naturschauspiel. Einige Minuten stand ich regungslos da und starrte aus dem Fenster, als mich das Telefon ins Diesseits zurückholte. Es dauerte einige Zeit bis ich die leise Stimme am anderen Ende erkannte.
„Jane, was ist mit dir?“
„Sam, hörst du mich?“, hatte der Lautsprecher geknackt, der ihre liebevolle Stimme auf so widerliche Weise verzerrte.
„Ich höre, dich Liebes. Aber der Empfang ist sehr schlecht. Was ist los?“
Ein Donnergrollen von draußen unterbrach ihre Antwort. Sie begann noch einmal.
„Ich weiß nicht, ich wollte nur mal anrufen. Wie war dein Tag? Alles in Ordnung bei dir?“
Meine Spannung löste sich. Die Angst, die ich meinte, in ihr gehört zu haben, schrieb ich jetzt einem eher banaleren Grund zu. Ein leises Donnern in der Ferne ließ mich lächeln; es ist schön, gebraucht zu werden und seinem Mädchen Sicherheit zu geben und sei es nur wegen eines einfachen Gewitters.
„Ja, mehr oder weniger. Aber die Brutalität zu der unsere Welt neigt, erschreckt mich jedes Mal aufs Neue.“
„Was ist passiert?“
„Eine von diesen Familiengeschichten, die ich nicht verstehe. Ein junges Paar, zwei kleine Kinder. Von einem Tag auf den anderen beschließt der Vater seine Frau und die Kleinen zu töten. Sticht auf alle mit einem großen Küchenmesser ein, fackelt danach ihr gemeinsames Haus ab.“
Die Bilder zogen wieder an mir vorbei und ich spürte abermals einen tiefen Groll gegen die Welt.
„Entschuldige“, meinte ich mit heiserer Stimme, „ist ja nicht so, als ob man sich dran gewöhnen könnte!“
„Denkst du wirklich so darüber? Du solltest froh sein, dass dir das Ganze immer noch so nahe geht.“
Meine kleine Optimistin. Ich weiß nicht, wie sie es immer schafft, meine düsteren Gedanken zu zerstreuen. In Momenten wie diesen, bin ich einfach nur unendlich froh, sie zu haben. Also, wer wollte jetzt wem die Angst nehmen?
„Ja, vielleicht hast du Recht!“
Ich ließ mich wieder auf meiner Couch nieder.
„Und wie läuft's bei dir in Salvellum? Wird dir das Landleben nicht irgendwann zu eintönig?“
„Eintönig“, wiederholte sie nachdenklich.
„Du hörst dich müde an!“
„Ich bin müde, Sam“, etwas anderes schwang in ihrer Stimme mit, „müde vom ewigen Davonlaufen!“
„Du machst mir Angst! Was ist los bei dir?“
Ihre Antwort ließ auf sich warten. Erst nach einer halben Ewigkeit hörte ich ihre flüsternde Stimme.
„Bitte, Sam, nicht so laut! Sie können dich sonst hören und dann finden sie mich!“
Plötzlich war ich hellwach.
„Mädchen, was um Gottes Willen, redest du da?“
Ein unterdrücktes Schluchzen drang zu mir.
„Sie sind hier! Ich dachte, sie hätten mich nicht bemerkt, aber sie schleichen gerade ums Haus herum!“
„Jane, beruhige dich! Wer ist dort? Wer schleicht um dein Haus?“
Ich hörte sie flach atmen, wartete ab und versuchte es noch einmal.
„Wer ist dort bei dir?“, fragte ich leise.
„Sam, was immer geschieht, du darfst nicht zulassen, dass sie es beenden!“
„Liebes, ich will dir helfen, natürlich, aber wovon redest du da?“
„Lass sie es nicht beenden, ich bitte dich!“
Eine Störung durchfuhr die Leitung.
„Jane?“
Ein Aufschrei war zu hören, der mir das Herz brach, dann leises Schluchzen.
„Jane!“
„Sie sind an der Tür! Sie versuchen sie aufzubrechen!“
„Das reicht, ich komme! Hörst du mich? Ich komme zu dir!“
„Sam, nein!“, ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung, „Nein, bitte nicht!“
„Was meinst du mit Nein?“
„Hör mir zu“, sagte sie mit ernstem Ton, „lass uns ehrlich sein, du kannst es niemals noch rechtzeitig bis hierher schaffen.“
Ich überhörte die Aussage. Tief in mir, wusste ich, dass ich bei ihr sein musste, ich hatte die verdammte Verpflichtung bei ihr zu sein! Es waren nur lächerliche hundert Meilen bis Salvellum!
„Ich halte an keiner Ampel, ich werde rasen, was der Wagen hergibt. Denkst du, mich kann irgendetwas davon abhalten, zu dir zu kommen?“
„Ich will, dass du bei mir bleibst!“
„Das will ich doch auch!“
Ich presste das Telefon an mein Ohr.
„Ich will, dass du bis zum Ende bei mir bleibst, versprich es mir bitte!“, sagte sie schon beinahe flehentlich.
Und da spürte ich erst, wie hilflos ich dem ganzen gegenüber stand. Hundert Meilen? Ebenso hätten es hundert tausend sein können! Ich konnte nichts weiter tun, als mit dem verdammten Telefon hier zu sitzen! Ich konnte ihr nicht helfen, ich konnte sie nicht einmal festhalten. Alles, was ich im Stande war zu tun, war dieses Stück Plastik zu umklammern.
„Natürlich, Liebes, was immer du willst!“
Es fiel mir schwer, die Fassung zu bewahren. Sie hingegen wirkte jetzt auf einmal so ruhig, so gefasst, als ob sie sich damit abgefunden hatte...
„Erzähl mir von dem Haus, das du für uns gekauft hast. Erzähl mir von dem Land, von dem man sagt, Gott hätte es als letztes erschaffen, weil es ihm zu langweilig wurde, immer wieder das Gleiche zu machen.“
Die ganze Situation wirkte so unwirklich, so absurd und doch, da ich hörte wie mich mein Mädchen anflehte, ich solle sie ablenken, ich solle bei ihr bleiben - denn so klang es damals, als ob sie nicht wüsste ob sie die Nacht überleben würde - erfüllte ich ihren Wunsch. Ich riss mich zusammen, das Herz pochte mir bis zum Hals und doch schaffte ich es irgendwie meine Stimme unter Kontrolle zu halten.
„Oh, Jane, es wird dir gefallen. Du hättest damals mit dabei sein sollen. Ich stand an diesem riesigen kleinen Haus, das ich für das perfekte Eigenheim für uns empfunden hatte, dennoch war ich unschlüssig und dann sah ich von dem Garten aus in die Ferne. Hörst du mich?“
Ich stellte diese kurze Frage, um eine kleine Atempause zu erlangen, um den verzweifelten Versuch zu Unternehmen, meine Trauer hinunterzuschlucken.
„Ich höre dich Sam!“
Ich atmete kaum hörbar aus, fühlte ich schon den Alp auf meiner Brust sitzen.
„Die Sonne ging gerade unter, über dem Meer. Also vor mir dieser endlos scheinende Hügel, irgendwann die Großstadt und dahinter das Meer in welches gerade ein riesiger Feuerball zu fallen schien. Und die Wolken, du hättest diese Wolkenformationen sehen sollen!“
Meine Kurzatmigkeit ließ mich schwindeln. Ich presste mir die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschluchzen.
„Sam?“
„Du hättest sie sehen sollen. In rotes Licht getaucht, es war wunderschön!“
„Sam, sie kommen zurück!“
Ich schluckte schwer, dann sagte ich mit einigermaßen gefasster Stimme.
„Ich bin bei dir, Liebes!“
„Sam, ich habe Angst!“
„Es wird alles gut!“
Mit aller Kraft umfasste ich die Apparatur, die größte Lüge der Menschheit, die einem vorgaukelte, man sei bei seinem geliebten Menschen, in Wirklichkeit aber Lichtjahre von ihm entfernt.
„Sam, bitte, vergiss nie, dass ich dich liebe!“
Rauschen überwog beinahe ganz.
„Jane...“
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BeitragThema: Re: Am anderen Ende   Di 31 Aug 2010 - 18:00

Nur unterbewusst nahm ich das schlecht eingestellte Radio wahr. Ich war zu sehr mit der Straße beschäftigt, doch der Mustang machte dem Tier, nach dem er benannt wurde, alle Ehre. Er pflügte sich durch die mörderisch glatte Fahrbahn, um mich jede Sekunde meinem Ziel ein Stück näher zu bringen, Salvellum Springs; ein kleines Kaff irgendwo im Osten von Massachusetts.
„Lovecrafts Hoheitsgebiet!“, sagte ich mit einem müden Lächeln auf den Lippen.
Nachdem das Gespräch abgebrochen, nur mehr Rauschen in der Leitung zu hören war, hatte ich sofort bei den zuständigen Behörden angerufen, ohne Erfolg. Die Leitung war in dem Moment erstorben, als Jane ihre letzten Worte hineingehaucht hatte. Auch über mein Mobiltelefon hatte ich kein Signal reinbekommen. Ich war sofort in meinen Wagen gesprungen und losgefahren. Eine panische Reaktion, sicher, und doch die einzig logische Konsequenz auf das, was ich gehört hatte. Jane war in den letzten Jahren so etwas wie ein Ruhepol für mich gewesen. Sie hatte mich davon abgehalten, dass ich mich in die tiefsten Schluchten von Depression stürzte.
„Ganz egal wie auswegslos eine Situation erscheint, die Nacht ist niemals so finster!“, hatte sie immer gesagt. Egal wie mies ich mich im Leben gefühlt hatte, sie hatte es immer wieder geschafft, mich aufzubauen und meistens nur in dem sie einfach da war. In jenem Moment, dort auf den mörderischem Weg nach Salvellum, konnte ich nicht sagen, wie ich mich fühlte oder wie ich mich fühlen würde, sollte sie mir genommen werden. Da mischte sich das Radio in meinen Monolog ein:
„Ich werde mich selbst verlieren, um dich zu finden
Ich werde alles geben, was ich habe
um dich zu kriegen, werde ich rennen und niemals anhalten
ich werde jeden Preis zahlen, um dich zu gewinnen
mein gutes Leben dem Bösen hingeben
...
Ich nenne das einen Handel, den besten, den ich je einging!“
Meine Hände umklammerten das Lenkrad fester. Ich stimmte Roger insgeheim zu. Rennen und niemals anhalten, das klang nach einem Plan. Ich drückte das Gaspedal durch.

Als ich den Asphalt verließ und auf eine schlecht befestigte Forststraße einbog, sagte ich der Zivilisation Lebwohl; in wenigen Meilen würde ich das Ortsschild passieren. Der Regen drosch stärker auf meinen Wagen ein und die Sicht verschlechterte sich. Blätter mischten sich zu dem Regen und bevor ich den Fluch, der mir auf den Lippen lag, aussprechen konnte, spuckte der Wald eine dunkle Figur auf die Straße. Die einzige Reaktion, die ich im Stande war zu vollführen, war den Lenker herumzureißen und eine wahrscheinlich verflucht komische Grimasse zu schneiden. Die Bremse ließ den Wagen fast eine komplette Drehung vollführen und jede Hundertselsekunde erwartete ich das laute Krachen im Wageninneren, die Verwandlung der Fahrerkabine, bei dem die Airbags wie Kanonen auf die Insassen feuern, der Geschmack der Pulvers auf den Airbags, der sich auf der Zunge niederlegt,... doch nichts geschah. Die Augen noch immer weit aufgerissen, sah ich jetzt in die Richtung aus der ich gekommen war und wo gerade der Schatten, der mich zu diesem „Kunststück“ gezwungen hatte, wieder im Gebüsch verschwand. Sofort riss ich die Wagentür auf und setzte der Gestalt hinterher. Schon nach wenigen Metern bemerkte ich, wie sinnlos mein Unterfangen eigentlich war; ich wusste nicht, was dort die Straße passiert hatte und in der vorherrschenden Dunkelheit war es mir unmöglich, etwas im Wald zu erkennen.
„Hallo?“, dumpf hallte mein Rufen von den Bäumen wieder. Ich zückte eine Taschenlampe und verbrachte einige Minuten damit die Umgebung abzusuchen. Schließlich stieg ich unverrichteter Dinge und mit einem unguten Gefühl in der Magengrube wieder in meinen Wagen. Kopfschüttelnd wendete ich und fuhr langsam über die Kuppel, nach welcher sich die Brücke nach Salvellum befand. Ich war gerade erst angefahren und musste deshalb nicht besonders stark bremsen. So ließ ich den Wagen langsam ausrollen, zog die Bremse und stieg abermals hinaus in die verregnete, graue Landschaft. Der Schock von vorhin verhinderte, dass ich jetzt erst richtig ausrastete. Es gibt solche Tage, ja, aber wieso habe ich das Gefühl, dass sie immer mir widerfahren? Ich packte einen Stein und warf ihn in diese reißende, braune Brühe, die scheinbar stark genug gewesen war, um die einzige Brücke nach Salvellum einstürzen zu lassen.
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BeitragThema: Re: Am anderen Ende   So 21 Nov 2010 - 23:05

Der vormals durch einen schmalen Canyon gebändigte Fluss, Siika Aelv, der die nördliche Grenze zu Salvellum bestimmte, hatte sich verwandelt. Es schien mir, als seien die Tore der Unterwelt aufgebrochen und hätten den Fluss Styx in unsere Welt entlassen. Wider Erwarten erblickte ich keinen Fährmann, doch dieser war auch nicht nötig, war die Strömung doch stark genug, um einen Menschen aus dem Leben zu reissen und hinab zu ziehen in das Reich der Unterwelt. Ich überschlug meine Chancen und sagte mir, dass ich so wohl nicht hinübergelangen würde. Salvellum war umgeben von zwei Flüssen; in der nördlichen Seite, von der ich gekommen war, lag Siika Aelv und im südlichen Teil wurde es von dem Kanava River, der sich am nördlichen Fuße des Mount Beauregard schlängelte, von der Außenwelt abgeschnitten. Die einzig gut befestigte Brücke lag auf meiner Seite, vor dessen Trümmer ich jetzt stand. Mehr Übergänge waren auch nie nötig gewesen, gab es normalerweise einige seichte Stellen, bei denen man einfach mit dem Wagen hindurchfahren konnte; doch nicht in der heutigen Nacht. In einem Anflug von Verzweiflung wählte ich abermals Janes Nummer. Als sich schließlich ihre Mailbox einschaltete, kam ich auf einen Gedanken, den nur ein wirklich Verzweifelter haben konnte.

„Romantische Wälder erwarten Sie, goldene Flüsse, sanfte Gebirge. Kommen Sie an die Ostküste, wo das Leben ein bisschen ruhiger verläuft, kommen Sie nach Salvellum Springs und genießen Sie das etwas einfachere Leben!“, schreiben die Informationsbroschüren der Touristik, die in einem das Bedürfnis wecken den verantwortlichen, übereifrigen Schreiberling einen Tritt in die Leistengegend zu verpassen. Jedenfalls fühlte ich mich so, als ich mich dort oben bei Sturm und Gewitter an den Telefonleitungen entlang hangelte. Meine Kleidung war durchtränkt, meine Lungen flehten nach Schonung. Ich hatte meine Hände mit Lumpen umwickelt, diese waren aber bereits von den Leitungen zerrissen und vom Blut vollgesogen. Und dabei hatte ich noch nicht einmal die Hälfte des Flusses überquert; das Wetter verlangsamte jede meiner Bewegungen um ein Vielfaches. Plötzlich verlor ich den Halt. Meine Hände rutschten an den feuchten Kabeln ab und für den Bruchteil einer Sekunde stand ich freihändig auf einem Kabel und versuchte verzweifelt zu ignorieren, dass ich nicht das Gleichgewicht eines Seiltänzers besaß. Ich ruderte verzweifelt mit den Armen. Eine schwache Böe reichte aus, dann rutschten meine Sohlen von der Leitung und ich fiel. Jedoch nicht weit, der Fährmann nahm mich noch nicht mit sich. Scheinbar war meine Zeit noch nicht gekommen und so verfing ich mich schmerzhaft mit den Armen in der unteren Leitung, auf der ich eben noch gestanden hatte. Sämtliche Muskeln in meinem Oberkörper schienen zu explodieren. Ich keuchte auf und merkte, wie die Schwerkraft immer nachdrücklicher ihren Tribut forderte.
„Verflucht noch mal“, keuchte ich, „beweg dich! Glaubst du, so kannst du Jane helfen? Beweg dich, verdammt!“
Der kalte Regen peitschte mir ins Gesicht, der Wind versuchte mich von der Leine zu reissen. Ich würde Jane nicht aufgeben, um keinen Preis der Welt, dessen wurde ich mir in diesem Moment bewusst. Ich schwang meine Füße auf das Kabel, sicherte damit meinen Halt und zog mich dann mit meinen Händen Stück für Stück hinüber. Als ich den gegenüberliegenden Pfahl erreichte, hakte ich mich mit meinen Beinen in die Eisensprossen ein und atmete einige Zeit ausgiebig durch, wartete, bis das Zittern in meinen Muskeln aufhörte. Müde sah ich auf; hinter dem dichten Wald, der mir wie eine Armee von Riesen erschien, sah ich bereits die ersten Höfe. Ein kleines Gefühl des Triumphes keimte in mir auf.
„So weit so gut!“

Das Gewitter war in die Ferne gerückt, der Regen prasselte dennoch hernieder. Ich lief durch den Wald über einen schlecht befestigten Schotterweg, strauchelte zahlreiche Male, lief aber weiter. Irgendwann passierte ich schließlich das Ortsschild. Die Nackenhaare stellte es mir auf, als ich erst verstand, was das Schild gesagt hatte. Es musste wohl der Willkür einiger Jugendlicher erlegen haben, doch das Ergebnis schien mir damals nicht weniger verheißungsvoll, als heute. Die Letter des Wortes Salvellum waren mit Spraydosen umgeschrieben worden und so hatte mir eine makabere Parodie entgegengebleckt, die mit dem englischen Klang des Wortes spielte:
Hellvellum Springs“
Ich fand das Dorf im scheinbar schlafenden Zustand vor, was ich nicht für verwunderlich hielt, musste es schon vier Uhr morgens sein. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt und erleuchtete mir den Weg, der an einigen Bauernhöfen vorbeiführte. Dumpf war das Geschrei von Kühen zu hören, irgendwo bellte ein Hund. Mein Schädel begann zu Pochen, ich fror durch die nasse Kleidung und langsam stellte sich Erschöpfung ein. Jedoch wusste ich auch, dass es nicht mehr weit war. So schlug ich mich weiter durch das letzte Stück Wald hindurch und fand mich endlich im „Zentrum“ Salvellums wieder. Ich hatte nicht oft die Gelegenheit wahrgenommen, Jane zu besuchen; mir war dieses kleine Dorf immer ein Dorn im Auge gewesen, insbesondere seine Bewohner. Hier regierten Vetternwirtschaft und Alkohol. Hinzu kam die Abgeschiedenheit des Dorfes, die den Informationsdurst innerhalb um ein Vielfaches nach oben trieb. Es gab nichts, was einer vom anderen nicht wusste. Und dies war nur ein Teil von den Gründen, warum ich das Dorf mied. Doch trotz dessen hatte ich keine Schwierigkeiten, Janes Wohnung zu finden. Kein Licht drang nach außen, was um diese Uhrzeit gleich Null bedeutete. Für einen kurzen Moment kam in mir die Frage auf, ob ich die Klingel oder meinen Zweitschlüssel benutzen sollte. Ein Blick auf das Türschloss gab mir die Antwort. Ich fluchte in mich hinein. Die Tür war aufgebrochen und nur provisorisch wieder geschlossen worden. Routiniert wanderte meine Hand unter den Mantel. Ein zweites Mal fluchte ich, als ich bemerkte dass meine Waffe nicht in meinem Holster steckte. Ein Bild blitzte auf, von einem Revolver, den ich in einem Regal bei mir Zuhause verstaut hatte. Abermals holte ich meine Taschenlampe hervor, die ich notfalls als Knüppel benutzen konnte. Ich stellte mich seitlich zur Tür, lauschte nach irgendwelchen Geräuschen von innerhalb. Nichts. Tief atmete ich ein, dann trat ich gegen die Tür und stürmte die Wohnung. Die Jalousien waren geschlossen, aber ich kannte Janes Apartment gut genug, dass ich wusste, auf welchen möglichen Verstecke ich achten musste und so begann ich. Zimmer um Zimmer durchsuchte ich, immer bedacht darauf, die Decke zu wahren und trotzdem jederzeit zuschlagen zu können. Ich ignorierte den Gedanken beharrlich, dass Jane hier irgendwo reglos liegen könnte. Nach einer ganzen Weile, als ich mir sicher war, dass niemand sonst in der Wohnung war, schaltete ich schließlich das Licht an. Zu meiner Überraschung war sie nicht durchwühlt oder derartiges. Sie befand sich sogar in einem äußerst sauberen Zustand, so wie ich es von Jane her kannte. Da kam mir die Idee, einen Blick auf das Telefon zu werfen. Ich hob den Hörer ab, aber es war kein Amt zu hören. Dann ging ich in die Knie und tastete nach dem Telefonanschluss. Volltreffer! Das Kabel war aus der Wand herausgerissen und lose wieder die Kommode hinuntergelassen worden, auf der die Apparatur stand. Ich ließ die Umgebung auf mich einwirken. Der Boden wirkte sauber, keine Anzeichen für einen möglichen Kampf. Das Bett war ebenfalls gemacht und weckte in mir auch keinen Verdacht, bis auf...
Das Herz rutschte mir in die Hose.
„Bitte nicht!“, entfuhr es mir.
Ich tastete mit der Hand zu dem Schatten, den das Bett warf und tauchte meine Finger in die kleinen dunklen Sprenkeln, die der Schatten versucht hatte, vor meinen Augen zu verbergen.
Als ich es zwischen den Fingern zerrieb, bestätigte sich mir der Verdacht, dass es sich um Blut handelte. Offensichtlich war der Rest des Bodens oberflächlich gereinigt worden, um jegliche Spuren zu verwischen. Ein Schauer rann mir über den Rücken. Ich bemerkte, wie mich jetzt die Kälte auch von innerhalb überfiel.
"Wo bist du, Mädchen?"
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